Behandlung der Impotenz durch Beckenbodentraining?

Welche Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur bei Erektionsstörung helfen können

Zuletzt aktualisiert: September 2019

Beckenbodenübung Erektionsstörungen

Dachten Sie Beckenbodentraining sei nur etwas für Frauen? Im Gegenteil: für die Erektion spielt die Beckenbodenmuskulatur sowohl bei ihrer Entstehung als auch bei der Aufrechterhaltung eine wichtige Rolle (mehr dazu unter: wie funktioniert eine Erektion). Auch für den Samenerguss sind diese Muskeln wichtig. Der Musculus ischiocavernosus und der Musculus bulbospongiosus sorgen dafür, dass Venen im unteren Beckenbereich abgedrückt werden und so der Blutabfluss aus den Schwellkörpern im Penis verhindert wird. Ihre Kontraktion sorgt dafür, dass die Schwellkörper unter hohen Druck gesetzt werden – ein wesentliches Element für eine starke Erektion.

Bis sich Resultate mit den Beckenbodenübungen einstellen, dauert es lange! Geben Sie sich etwas Zeit und falls Sie trotz regelmäßigen Trainings keinen Effekt bemerken: es gibt immer noch die schnelle Lösung mit Potenzmitteln – wichtig sind lizenzierte Einrichtungen mit Fachärzten wie 121doc, dokteronline und weitere Anbieter. Hier werden Ihnen Rezepte nach der online Behandlung von den Ärzten verschrieben und die Medikamente per Post zu Ihnen nach Hause geschickt.

Stefan HenningsInteressengemeinschaft Impotenz Selbsthilfe

Beckenbodenmuskulatur-Training bei ImpotenzEine starke und gesunde Beckenbodenmuskulatur bedeutet also beste Voraussetzungen für eine potente Erektionsfähigkeit. Falls Sie Erektionsstörungen haben: Bestenfalls verschwinden die Probleme mit regelmäßigen Training sogar. Die Studienlage (Quelle) sieht vielversprechend aus. Auch als vorbeugende Maßnahme kann ein Training der Beckenbodenmuskulatur sinnvoll sein.

Das Beckenbodentraining ist insbesondere bei einem venösen Leck (Venen-Verschlußstörung) gut geeignet, also wenn die Erektionsstörung auf einen zu hohen Blutabfluss aus den Schwellkörpern zurückzuführen ist. Das Training kann außerdem gegen einen vorzeitigen Samenerguss helfen (Sommer 2004). Liegt die Ursache der erektilen Dysfunktion in einer Nervenschädigung oder ist psychisch bedingt, hilft Beckenbodentraining allerdings nicht weiter.

Wie sehen die Übungen aus? Video: Beispiele für Beckenbodengymnastik

Zuerst die schlechte Nachricht: Die Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur erfordern Geduld und Disziplin. Zuerst müssen Sie überhaupt ein Gefühl dafür bekommen die Beckenbodenmuskulatur anzusteuern, anzuspannen und locker zu lassen.

Wie auch beim Sport gilt hier: Professionelle Hilfe ist meistens eine gute Idee. Wenn Ihnen Übungen schwer fallen, suchen Sie sich einfach einen erfahrenen Physiotherapeuten, unter dessen Anleitung Sie die praktische Umsetzung schrittweise erlernen. Korrekturen, neue Impulse, Ratschläge und kleine Trainingseinheiten zum Heranführen vermindern unnötige Frustration. Natürlich können Sie die Übungen auch selbst erlernen – wie hier in den Videos gezeigt. Je nachdem wie sportlich Sie sind, wird Ihnen das Training leicht oder eher etwas schwerer fallen.

Animation: So funktioniert der Beckenboden

Wie sehen die Erfolgschancen aus?

Die Ergebnisse verschiedener Studien, die wir hier genauer anschauen (siehe Quellen), lassen berechtigten Optimismus aufkommen. Gerade bei bestimmten Ursachen der erektilen Dysfunktion / Erektionsstörungen wie dem angesprochenen venösen Leck,  sind die Erfolgschancen teilweise sogar höher als die Therapie-Ergebnisse mit Potenzmitteln wie Viagra.

In der belgischen Studie von Claes/Baert 1993 wurden 150 Männer mit venösem Leck zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe wurde operiert, die zweite Gruppe trainierte die Beckenbodenmuskeln in 5 wöchentlichen Einheiten mit einem professionellen Physiotherapeuten.

Die Operation war dem Beckenbodentraining weder subjektiv noch objektiv überlegen. Darüber hinaus wurde nach dem Schulungsprogramm eine signifikante Verbesserung festgestellt. 42% waren mit dem Trainings-Ergebnis zufrieden und verweigerten die Operation.
Fazit: Beckenbodentraining ist eine realistische Alternative zur Operation bei Patienten mit leichten venösen Leckagen.

In einer weiteren belgischen Studie von van Kempen et al. 2003 haben 51 Männer mit Erektionsstörungen teilgenommen. Die Gründe waren unterschiedlich, die Männer mit einem venösen Leck waren aber überproportional häufig vertreten. Die Männer waren einmal die Woche beim Physiotherapeuten und sollten dreimal täglich die Übungen zuhause selbst durchführen.

Neben dem Training bekamen die Beckenbodenmuskeln eine Elektrostimulation und Biofeedback wurde eingesetzt. 4 Monate später waren 47 Prozent der Männer mit ihrer Erektion zufrieden, bei weiteren 24 Prozent hatte sich eine Verbesserung der Erektionsfähigkeit eingestellt. Da 18 Prozent die Studie vorzeitig verlassen hatten, hat sich nur bei zwölf Prozent keine Besserung gezeigt.

Eine englische Studie von Dorey et al. 2005 untersuchte wieder zwei Gruppen, in denen die 55 teilnehmenden Männer zufällig eingeteilt wurden. Die erste Gruppe erlernten Beckenbodenübungen und ein Biofeedback wurde durchgeführt. Die zweite Gruppe erlernte die Übungen nicht. Beide Gruppen wurden zudem für einen gesünderen Lebensstil beraten.

In einem Zwischenfazit nach 3 Monaten zeigte die zweite Gruppe keine Veränderungen – daraufhin erhielt auch diese Gruppe Beckenbodentraining. Weitere 3 Monate später war über alle Teilnehmer hinweg eine zufriedenstellende Erektion für 40 Prozent der Männer wieder hergestellt, bei weiteren 35,5 Prozent hatte sich die Erektionsfähigkeit verbessert. Bei knapp 1/4 der Männer zeigte sich keine Besserung.

Auch in Deutschland wurde eine ähnliche durchgeführt. Sommer 2004 untersuchte 124 Männer mit einem venösen Leck. Die Männer wurden zufällig in drei Gruppen geteilt: Die erste machte VigorRobic, ein spezielles Beckenbodentraining, die zweite Gruppe nahm Viagra und die dritte Gruppe nahm ein Placebo ein. Nach 16 Wochen war die Erektionsfähigkeit bei 80 Prozent der VigorRobic-Gruppe verbessert, 74 Prozent bei der Viagra-Gruppe und 18 Prozent bei der Placebo-Gruppe zeigten ebenso Verbesserungen.

Fazit: Ran an das Beckenbodentraining – ein Versuch ist es allemal wert und auf jeden Fall eine gute, unterstützende Maßnahme zu anderen Therapie-Möglichkeiten wie beispielsweise PDE-5-Hemmern.

Quellen

Ratgeber

  • IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) (2013): Beckenbodentraining.
    https://www.gesundheitsinformation.de/beckenbodentraining.2288.de.pdf
  • Sommer, Frank (2016):
    VigorRobic® – Potenter durch gezieltes Fitnesstraining.
    6. Auflage. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

Verwendete Fachliteratur

  • Claes, H.; Baert, L. (1993):
    Pelvic floor exercise versus surgery in the treatment of impotence.
    Br J Urol, January 1, 1993, Vol. 71, No. 1, Pages 52-57.
    Im Internet: Zusammenfassung.
  • Dorey, Grace; Speakman, Mark J.; Feneley, Roger C.L.; Swinkels, Annette; Dunn, Christoper D.R. (2005):
    Pelvic floor exercises for erectile dysfunction.
    BJU International, September 2005, Vol. 96, No. 4, Pages 595-597.
    Im Internet: Zusammenfassung, Volltext (pdf-Datei, 171 kB).
  • van Kampen, Marijke; de Weerdt, Willy; Claes, Hubert; Feys, Hilde; de Maeyer, Mira; van Poppel, Hendrik (2003):
    Treatment of Erectile Dysfunction by Perineal Exercise, Electromyographic Biofeedback, and Electrical Stimulation.
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12775199
  • Sommer, Frank (2004):
    Prävention der erektilen Dysfunktion durch gezieltes körperliches Training.
    Blickpunkt Der Mann, 2004, Heft 1.
    Im Internet: Zusammenfassung, Volltext (pdf-Datei, 247 kB).
    Eine anschauliche Zusammenfassung der Studie findet man auch auf (pdf-Datei, 296 kB).

Weiterführende Fachliteratur

  • Lavoisier, Pierre; Roy, Pascal; Dantony, Emmanuelle; Watrelot, Antoine; Ruggeri,Jean; Sébastien Dumoulin (2014):
    Pelvic-Floor Muscle Rehabilitation in Erectile Dysfunction and Premature Ejaculation.
    Physical Therapy, December 2014, Vol. 94, No. 12, Pages 1-13.
    http://medisexinfo.fr/wp-content/uploads/2014/11/Methode_Innovante_pour_les_Troubles_Sexuels_04.pdf
  • Rosenbaum, Talli Yehuda (2007):
    Pelvic Floor Involvement in Male and Female Sexual Dysfunction and the Role of Pelvic Floor Rehabilitation in Treatment: A Literature Review.
    The Journal of Sexual Medicine, Volume 4, Issue 1, Pages 4-13.
    http://www.jsm.jsexmed.org/article/S1743-6095%2815%2931493-4/abstract
  • Studie: Biofeedback und Beckenbodenmuskulatur mit positiven Ergebnissen bei Erektionsstörungen (2004)
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1324914/