Wie häufig sind Erektionsstörungen?

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird die Frage erforscht, wie häufig Erektionsstörungen in Deutschland und weltweit auftreten. Im Jargon der Wissenschaft wird hier von der Prävalenz der erektilen Dysfunktion – die Häufigkeit von Erektionsstörungen – gesprochen. Die Ergebnisse der einzelnen Studien unterscheiden sich durchaus deutlich. Das ist aber insofern keine Überraschung, da die erektile Dysfunktion ein komplexer Forschungsgegenstand ist.

Die unterschiedlichen Forschungsergebnisse werden im Wesentlichen von den folgenden Faktoren getrieben:

  • Wie werden Erektionsstörungen in der Studie definiert?
  • Wie werden die Daten erhoben (Interview, Fragebogen)?
  • Wie sind die Fragen an die Probanden formuliert (Aussagekraft, Eindeutigkeit)?
  • Wie wurden die Probanden ausgewählt bzw. wie setzt sich die Stichprobe zusammen (Kulturkreis, Stadt- und Landbevölkerung)?

Hier muss in Hinblick auf die Vergleichbarkeit von Forschungsergebnissen somit berücksichtigt werden, was die genaue Forschungsfrage war und wie diese angegangen wurde. Zur besseren Einordnung können Sie sich beispielsweise die im Literaturverzeichnis angeführten Übersichtsartikel anschauen, die wichtige Unterschiede in den Studien beziehungsweise in den Erhebungsmethoden erläutern (de Boer et al. 2004, Hatzimouratidis 2007, Kubin et al. 2003 und Prins et al. 2002).

Dennoch wollen wir im Folgenden einige der Forschungsergebnisse ausgewählter Studien präsentieren, um einen Eindruck von der Häufigkeit von Erektionsstörungen zu ermitteln.

Feldmann et al. 1994 – Die Massachusetts Male Aging Study (MMAS)

Eine der ersten Studien zum Thema Erektionsstörungen ist die MMAS vom New England Research Institute. Ziel der Studie war ein möglichst umfassendes Bild von physiologischen und psychosozialen Faktoren, die Einfluss auf die Erektionsfähigkeit von Männern nehmen. Dafür wurde eine zufällige Gruppe von Männern aus der Umgebung von Boston ausgewählt. Das Alter der Männer lag zwischen 40 und 70 Jahren. Der Erhebungszeitraum lag zwischen 1987 und 1989.

In einem ersten Schritt wurden von den Probanden physiologische, medizinische, psychologische und soziale Variablen durch Interviewer gesammelt. Dazu zählten:

  • Blutproben
  • physiologische Messgrößen
  • soziodemografische Informationen
  • psychologische Variablen
  • Informationen zum Gesundheitszustand
  • sowie Informationen zum Lebenswandel (wie beispielsweise Rauchen).

Im zweiten Schritt wurden die Probanden per Fragebogen über Informationen zur sexuellen Aktivität einschließlich der Erektionsfähigkeit befragt. Hieraus ging hervor, dass 52 Prozent der Männer mindestens gelegentliche Erektionsstörungen angaben. Die Häufigkeit einer volle Erektionsstörung lag zwischen fünf und 15 Prozent, abhängig vom Alter. Dabei stieg die Zahl der Männer mit Erektionsstörungen mit dem Alter.

Die Studie untersucht dann weitere Einflüsse auf Erektionsstörungen und korrigiert um den Alterseffekt. Die Autoren fanden Zusammenhänge zwischen Erektionsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, der Einnahme von Medikamenten sowie Stress und Depressionen. Männer, die Rauchen und eine Erkrankung aufweisen, sind zudem mit höherer Wahrscheinlichkeit von Erektionsstörungen betroffen. Männer mit hohem Sexualhormonspiegel oder einer eher dominanten Persönlichkeit waren weniger oft von Erektionsstörungen betroffen.

Rosen et al. 2004 – Men’s Attitudes to Life Events and Sexuality (MALES)

Die MALES-Studie ist eine groß angelegte Studie, die die Häufigkeit von Erektionsstörungen bei Männern aus verschiedenen Ländern erfasst (USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Mexiko und Brasilien). Insgesamt wurden in einem ersten Schritt 27.839 Männer im Alter zwischen 20 und 75 Jahren per standardisiertem Fragebogen zur sexuellen Aktivität, Erektionsstörungen sowie diversen gesundheitlichen, sozialen, psychologischen und weiteren Faktoren befragt.

In einem zweiten Schritt wurden Männer mit einer erektilen Dysfunktion detaillierter befragt. Diese Männer sich zusammen aus einem Teil der vorher befragten Männer sowie Männer mit einer erektilen Dysfunktion aus anderen Befragungen.

Insgesamt gaben 16 Prozent der Männer an, dass bei ihnen Erektionsstörungen vorliegen. Dabei schwankt die Häufigkeit zwischen den Ländern doch teils deutlich – in Spanien waren es „nur“ zehn Prozent, in den USA waren es 22 Prozent. Die Häufigkeit von Erektionsstörungen steigt deutlich mit dem Alter. Weiterhin sind Erektionsstörungen wahrscheinlicher, wenn Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Bluthochdruck oder Depressionen vorliegen.

Weitere Studienergebnisse sind, dass nur 58 Prozent der Männer mit Erektionsstörungen sich in ärztliche Behandlung begeben. Von diesen Männern wiederum wird nur ein Teil mit PDE5-Hemmern wie Viagra behandelt – hochgerechnet auf alle Männer mit Erektionsstörungen nehmen 16 Prozent ein Potenzmittel.

Braun et al. 1998, 2000a, 2000b – Die Kölner Studie

In der sogenannten Kölner Studie wurde der speziell entwickelte Kölner Erfassungsbogen zur Erektilen Dysfunktion (KEED) erstmalig 1998 an 8000 Männer zwischen 30 und 80 Jahren aus der Stadt Köln verschickt. Mithilfe der repräsentativen Stichprobe sollte erstmals die Häufigkeit von Erektionsstörungen in Deutschland erfasst werden. Von den 8000 verschickten Fragebögen kamen 4883 ausgefüllt zurück, 4489 konnten ausgewertet werden.

Teile des Fragebogens zielten auf die Erektionsfähigkeit ab. Die Fragen wurden folgendermaßen gestellt:

11. Haben Sie Probleme mit der Erektion (Steifheit des Gliedes)? nie
(1)
selten
(2)
gemischt
(3)
häufig
(4)
immer
(5)
12. Wie häufig bemerken Sie morgendliche Erektionen? immer
(1)
häufig
(2)
gemischt
(3)
selten
(4)
nie
(5)
13. Reicht die Erektion für das Eindringen in den Partner aus? immer
(1)
häufig
(2)
gemischt
(3)
selten
(4)
nie
(5)
14. Reicht die Dauer der Erektion für einen Geschlechtsverkehr aus? immer
(1)
häufig
(2)
gemischt
(3)
selten
(4)
nie
(5)
15. Erschlafft der Penis während des Geschlechtsverkehrs? immer
(5)
häufig
(4)
gemischt
(3)
selten
(2)
nie
(1)
16. Ist es Ihnen möglich einen Orgasmus zu erreichen? immer
(1)
häufig
(2)
gemischt
(3)
selten
(4)
nie
(5)

Die inhaltliche Doppelung der Fragen 14 und 15 zielte darauf ab, ob die Probanden sorgfältig die Fragen gelesen und beantwortet haben. Der jeweiligen Antwort wurden die angegebenen Punktzahlen zugeordnet und bei einer Summe größer als 17 wurde eine erektile Dysfunktion interpretiert.

Die nachfolgende Tabelle gibt die wichtigsten Ergebnisse zur Häufigkeit von Erektionsstörungen und der sexuellen Aktivität an, jeweils nach Altersgruppen sortiert:

Altersgruppe 30-39 40-49 50-59 60-69 70-80 Total
sexuell aktiv 96,0 91,9 88,7 83,6 71,3 88,3
wöch. sex. aktiv 92,9 85,3 80,9 66,1 41,5 77,5
sex. unzufrieden 34,8 32,3 31,5 41,1 44,0 36,7
ED 2,3 9,5 15,7 34,4 53,4 19,2
therapiebedürftig 1,4 4,3 6,8 14,3 7,7 6,9

Wie häufig sind Erektionsstörungen

19,2 Prozent aller Männer weisen eine erektile Dysfunktion auf. Jedoch „leiden“ nicht alle diese Männer unter diesem Problem, nur ein Dritteln von ihnen (insgesamt 6,9 Prozent) sind therapiebedürftig. Als therapiebedürftig ordnet die Studie den Teil der Männer ein, die Erektionsstörungen aufweisen und gleichzeitig mit der sexuellen Situation unzufrieden sind. Dieser Teil benötigt eine Behandlung.

Aus dem Ergebnis wird ebenfalls deutlich, dass die Erektionsstörungen mit dem Alter häufiger auftreten. Sie nimmt mit 2,3 Prozent in der untersten Altersgruppe auf 53,4 Prozent in der höchsten Altersgruppe sogar deutlich zu. Die Studie untersucht auch weitere Begleiterkrankungen zur erektilen Dysfunktion – die Ergebnisse hierzu wollen wir hier nicht weiter ausführen.

Da diese Studie sehr sorgfältig und umfangreich durchgeführt wurde, ziehen wir stets diese Studie heran, wenn wir von der Häufigkeit von Erektionsstörungen sprechen.

Englert et al. 2007, Schäfer et al. 2003 – Die Berliner Männer-Studie (BMS)

Die BMS hatte vor allem zum Ziel, die unterschiedlichen Definitionen der erektilen Dysfunktion als Kriterium zu beschreiben – und die dadurch bedingten Unterschiede in der Angabe zu der Häufigkeit von Erektionsstörungen. Die Autoren nutzten hierfür fünf verschiedene Definitionen der erektilen Dysfunktion. Darauf wurde ein Fragebogen erstellt, der an 6000 Männer zwischen 40 und 79 Jahren in Berlin zwischen Mai und November 2002 per Mail versendet wurde. 1915 verwertbare Fragebögen kamen als Antwort zurück. Je nach Definition und Altersgruppe lag eine erektile Dysfunktion bei 18 bis 48 Prozent der befragten Männer vor. Nach allen Definitionen sind Erektionsstörungen mit steigendem Alter häufiger.

May et al. – Die Cottbuser 10.000er-Männerstudie

In einer weiteren deutschen Studie wurden 10.000 Männer mit einem standardisierten Fragebogen nach der sexuellen Aktivität und Erektionsstörungen befragt. Neben soziodemografischen und medizinischen Faktoren sowie Fragen zum Lebensstil wurde zudem nach dem Wissen über und der Erfahrung mit Behandlungsmethoden der erektilen Dysfunktion gefragt. 3124 Männer gaben auswertbare Fragebögen zurück, 2499 von ihnen lebten in einer Partnerschaft.

40,1 Prozent der Männer berichteten von Erektionsstörungen. Obwohl weitgehend bekannt, nutzten nur ein Bruchteil der betroffenen Männer eine Behandlungsmethode gegen die erektile Dysfunktion. Der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Erektionsstörungen und steigendem Alter sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Leberstörungen zeigten sich ebenfalls. Obwohl fast alle Männer mindestens einen PDE5-Hemmer zumindest namentlich kannten, würden nur 53 Prozent einen einnehmen und nur neun Prozent haben Erfahrungen mit einem PDE5-Hemmer.