Der vorzeitige Samenerguss

Der vorzeitige Samenerguss – auch vorzeitige Ejakulation oder medizinisch Ejaculatio praecox – ist das häufigste Sexualproblem bei Männern. Dieses Problem hat nichts mit einer erektilen Dysfunktion zu tun. Es beschreibt einzig das Problem eines vorzeitigen Orgasmus, unabhängig von der Erektionsfähigkeit. Diese ist im Normalfall gegeben.

Dabei ist mit dem Begriff „vorzeitig“ keine genaue Zeit definiert. Wird von dem Zeitraum zwischen Beginn des Geschlechtsverkehrs und dem Orgasmus ausgegangen, empfindet jeder Mann die Dauer des Geschlechtsverkehrs unterschiedlich „angemessen“. Eine Zeitdauer von zwei, fünf oder zehn Minuten mag der eine Mann als normal empfinden, während der Nächste es als vorzeitig bezeichnen würde und ein Dritter als großes Ziel. Ob ein vorzeitiger Samenerguss als solcher empfunden wird, hängt stark von der Person ab.

Wann tritt ein vorzeitiger Samenerguss häufiger auf?

Ein vorzeitiger Samenerguss ist absolut nichts Ungewöhnliches. Besonders bei den ersten sexuellen Erfahrungen, zu Beginn einer Beziehung oder nach einer längeren Phase der Enthaltsamkeit tritt nicht selten ein vorzeitiger Samenerguss beim Geschlechtsverkehr auf. Hinzu kommen zu dem Gefühl, „zu früh zu kommen“, unrealistische Erwartungen an die Dauer eines Geschlechtsverkehrs.

Zur Zufriedenheit mit der Dauer des Geschlechtsverkehrs und dem Gefühl, unter einer vorzeitigen Ejakulation zu leiden, gab es auch einigen Untersuchungen. Urologen der Universität Köln haben die Dauer des Geschlechtsverkehrs zwischen Männern, die aufgrund eines vorzeitigen Orgasmus unzufrieden mit ihrem Sexualleben sind, mit denen von zufriedenen Männern verglichen. Während die unzufriedenen Männer im Schnitt zwei Minuten 32 Sekunden bis zur Ejakulation brauchten, lag die Dauer bei zufriedenen Männern bei drei Minuten und eine Sekunde (Kreutzer et al. 2001). In einer größeren Studie mit 491 Paaren aus fünf Ländern lag die durchschnittliche Dauer des Geschlechtsverkehrs bei 5,4 Minuten (Waldinger et al. 2005). Diese Zahlen sagen allerdings nichts über die Befriedigung aus.

Vorzeitiger Samenerguss in der medizinischen Definition

Bis 2008 gab es in der Medizin keine einheitliche Definition. Ein Team der International Society for Sexual Medicine (ISSM) hat in der Folge Charakteristika für die vorzeitige Ejakulation erarbeitet und hiernach diese wie folgt definiert (Porst 2009):

  • Ejaculatio praecox ist eine sexuelle Dysfunktion beim Mann, die wie folgt charakterisiert ist:
  • Ejakulation, die immer oder fast immer vor oder innerhalb von etwa einer Minute nach Einführung des Glieds in die Scheide erfolgt,
    und
  • die Unfähigkeit zur Verzögerung der Ejakulation bei jeder oder fast jeder vaginalen Penetration
    und
  • negative persönliche Folgen, wie etwa Leidensdruck, Ärger, Frustration und/oder die Vermeidung sexueller Intimität.

Diese Definition findet allerdings nur auf eine Art des vorzeitigen Samenergusses Anwendung: den lebenslangen (primären) vorzeitigen Samenerguss. Bei dieser Form besteht das Sexualproblem seit Beginn des Sexuallebens. Daneben gibt es mit dem erworbenen (sekundären) vorzeitigen Samenerguss eine zweite Variante. Hier gab es beim Betroffenen in der Vergangenheit einen Zeitraum ohne das Sexualproblem, ein vorzeitiger Samenerguss ist nun aber Bestandteil des Sexuallebens.

Der in der Definition genannte Zeitraum zwischen dem Eindringen des Glieds in die Scheide und der Ejakulation wird in der Medizin auch als intravaginale Ejakulationslatenzzeit (Abkürzung IELT nach der englischen Bezeichnung) bezeichnet. Unabhängig davon, ob Sie nach dieser medizinischen Definition nicht als Betroffener eingeordnet würden, können Sie (und Ihre Partnerin) unzufrieden mit der IELT sein. Auch in dem Fall sind die weiter unten aufgeführten Tipps hilfreich.

Vorzeitiger Samenerguss: Ursachen

Lange Zeit hielten Mediziner psychische Ursachen für den vorzeitigen Samenerguss für verantwortlich. Heute weiß man, dass ein vorzeitiger Samenerguss auch durch neurobilogische Vorgänge verursacht sein kann. Insbesondere bei der primären vorzeitigen Ejakulation liegen aber oft psychische Ursachen vor. Daneben ist eine Störung bei der Weiterleitung oder Verarbeitung von Nervensignalen ein möglicher Grund. Bei einem Mangel an Neurotransmittern wäre beispielsweise die nervliche Verarbeitung gestört.

Auch bei der sekundären vorzeitigen Ejakulation kann die Ursache psychisch bedingt sein. Ebenfalls kommen körperliche Erkrankungen wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder eine chronische Prostata-Entzündung infrage. Gerade bei dieser Form kann zusätzlich eine Erektionsstörung mit auftreten.

Vorzeitiger Samenerguss und Umgang in der Partnerschaft

Wie bei allen sexuellen Problemen ist ein offenes Gespräch mit der Partnerin ein wichtiger erster Schritt. Wichtig hierbei ist vor allem, die eigenen Erwartungen und die Erwartungen und Vorstellungen der Partnerin auszutauschen – hier gibt es oft im Vorfeld Missverständnisse, was vor allem der Mann glaubt, was die Frau als sexuelle Erwartung an ihn hat. Der offene Austausch über intime Themen und vor allem die damit einhergehenden Gefühle sind auch wichtig für den Zusammenhalt der Partnerschaft und beugt Ängsten, Selbstzweifeln und Beschädigungen des Selbstwertgefühls vor.

Möglicherweise stellt sich heraus, dass die Partnerin den Geschlechtsakt gar nicht als zu kurz empfindet. Möglich sind natürlich auch andere Wege zum Orgasmus, die der Mann mit seiner Partnerin gehen kann – vor und / oder nach dem eigenen Orgasmus. Weitere Hinweise und Tipps hierzu erhalten Sie auch auf der Seite „Lustvoller Sex ohne Erektion„.

Sollte sich herausstellen, dass beide Partner die Zeit bis zur Ejakulation als zu kurz empfinden, können auch andere Möglichkeiten weiterhelfen. Sofern der Mann es nicht als zu starken Leistungsdruck empfindet, kann eine „zweite Runde“ kurz nach dem ersten Orgasmus eine Lösung sein. Wie genau das möglich oder die Pause dazwischen empfunden wird, muss das Paar abklären. Weiterhin gibt es auch Übungen zur Kontrolle über die Ejakulation, Nicht zuletzt gibt es in Sexshops frei erhältliche Hilfsmittel – meist Salben oder Sprays -, die die Empfindsamkeit der Eichel herabsetzen.

Behandlungsmöglichkeiten des vorzeitigen Samenergusses

Sollten die vorgenannten Möglichkeiten nicht zu einer Lösung führen, wäre der Besuch bei einem Facharzt für Sexualstörungen der nächste Schritt. Der Arzt wird in einem Gespräch und anschließenden Untersuchungen die Ursache eingrenzen und eine Behandlung einleiten. Liegt die Ursache in einer körperlichen Erkrankung, steht natürlich die Behandlung dieser Erkrankung im Vordergrund. Ansonsten kann ein vorzeitiger Samenerguss potenziell mit folgenden Möglichkeiten behandelt werden:

  • Lokal anzuwendende Medikamente: Dazu gehören in erster Linie Medikamente mit den Wirkstoffen Lidocain oder Prilocain. Beide setzen die Empfindlichkeit der Eichel herab und könne beispielsweise über ein Kondom angewendet werden. Ohne Kondom sollten diese Mittel direkt vor dem Sex abgewaschen werden. EMLA oder TEMPE sind beispielshafte Medikamente. Deren Wirksamkeit ist auch erforscht (Dinsmore 2009).
  • Oral anzuwendende Medikamente: Seit 2009 ist Priligy auf dem Markt mit dem Wirkstoff Dapoxetin. Die Einnahme erfolgt eine bis drei Stunden vor dem Geschlechtsverkehr. Das Mittel ist rezeptpflichtig, die Wirksamkeit ist ebenfalls erforscht (Porst 2009). Daneben werden manchmal Nebenwirkungen anderer Medikamente ausgenutzt, um den vorzeitigen Samenerguss zu behandeln. Hier ist aber besondere Vorsicht geboten.
  • Psychotherapeutische Behandlung: Da ein vorzeitiger Samenerguss selbst zu einer psychischen Belastung werden kann, ist eine Sexualberatung oder -therapie ein möglicher Weg, das Sexualleben des Paares wieder neu aufzubauen und die Ursache zu bekämpfen.