Der richtige Umgang mit einer erektilen Dysfunktion (ED)

Sobald Erektionsstörungen auftreten, stellt sich auch eine unangenehme Mischung aus Gefühlen ein. Das gilt häufig nicht nur für betroffene Männer, sondern auch für die Partnerin. Dabei sind die Hintergründe und die Fragen, die sich betroffene Männer und die Partnerinnen stellen, meist recht unterschiedlich. Hier wird bereits deutlich, dass der richtige Umgang mit Erektionsstörungen auf jeden Fall das Reden mit dem jeweiligen Partner beinhaltet. Wir wollen an dieser Stelle aber zunächst noch einmal näher auf die gefühlte Situation eingehen, in denen sich betroffene Männer und ihre Partnerinnen befinden.

Aus Sicht der betroffenen Männer

Zum gesellschaftlichen Bild von Männern und Männlichkeit und damit auch häufig zum Selbstbild von Männern gehört die Potenz. Die eigene Erektionsfähigkeit zählt mindestens unbewusst zum Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen von Männern. Treten nun Erektionsstörungen auf, wird dieses Bild massiv gestört. Der Umgang mit Impotenz – an diesen oft negativ behafteten Begriff wird sicherlich zuerst gedacht – wurde nie gelernt, nicht einmal in Erwägung gezogen.

Die Folge ist ein Chaos an Emotionen, in denen sich der betroffene Mann wiederfindet. Da die Erektionsfähigkeit ein wichtiger Faktor für das Selbstwertgefühl ist, führen Erektionsstörungen zu einem Gefühl des Versagens. Als „Schlappschwanz“ fühlt sich der Betroffene nicht mehr als richtiger Mann, ein Teil seines Männlichkeitsempfindens ist ja nun nicht mehr da. Das schürt in der weiteren Folge Versagensängste – was einmal auftritt, könnte sich ja wiederholen.

Neben der Versagensangst spielt die Scham eine unvermeidliche Rolle. Die vermeintliche Unmännlichkeit ist den Betroffenen peinlich. Zusammen mit der Versagensangst droht eine Abwärtsspirale aus Erschütterungen des eigenen Bilds und des Selbstwertgefühls. Das kann schnell zu Vermeidungsstrategien führen und unter Umständen findet ein Sexualleben nicht mehr statt.

Weitere Ängste können die Situation dann noch weiter verschärfen. Da bei vielen Männern der Gedanke vorherrscht, zu einer Partnerschaft gehört ein erfülltes Sexualleben, und das wiederum ist mit Erektionsstörungen nicht möglich, gesellt sich die Angst vor dem Verlust der Partnerin hinzu. Da er ihr keine sexuelle Erfüllung mehr versprechen kann, wird sie ihn für den nächsten potenten Mann verlassen. Selbst wenn der Mann rational genug ist, dass sich eine Trennung für gewöhnlich nicht so schnell vollzieht, setzt sich dieser Gedanke hartnäckig fest.

Ein Grund hierfür ist auch das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit, das unweigerlich Potenz als wesentlichen Bestandteil der Männlichkeit propagiert. Wird also im Umfeld des Mannes bekannt, dass dieser unter Erektionsstörungen leidet, könnte er der Lächerlichkeit preisgegeben sein. Die Ängste vor einem Bekanntwerden ziehen somit die Spirale weiter an, selbst wenn die Vorstellung von den Folgen sicherlich die Tatsachen deutlich übertrifft.

Die verschiedenen Ängste und die Scham setzen sich im Kopf der Betroffenen fest und führen in vielen Fällen zum Rückzug. Ein weiteres gesellschaftliches Bild von Männlichkeit kommt hier erschwerend hinzu: Männer reden nicht über Gefühle und ihre Probleme. Somit fühlt sich der betroffene Mann in einem Netz aus Ängsten, Scham und Nicht-darüber-reden-können gefangen.

Die Folgen sind Probleme in der Partnerschaft, da sich der Mann meist Zärtlichkeiten verweigert und auch nicht die Partnerin über die Gründe aufklärt. Auch weitere soziale Kontakte fallen zusehends schwer, sogar die Arbeitsfähigkeit kann unter dieser Spirale aus Ängsten und dem tatsächlichen Problem der Erektionsstörung leiden. Dass sich dadurch die Probleme nur verschärfen und einige der schlimmsten Befürchtungen des Mannes bewahrheiten können, sehen betroffene Männer in ihrer Angstspirale oft nicht oder sie können einfach nicht mehr ausbrechen. Der wichtige Gang zum Arzt fällt da den meisten betroffenen Männern natürlich ebenso schwer.

Aus Sicht der Partnerinnen

Natürlich ist auch die Partnerin von den Erektionsstörungen des Partners betroffen. Sie erfahren Zurückweisung und erleben einen Partner in einer Weise, wie sie ihn nicht kennen. Da der Partner nicht über das offenbar vorhandene Problem spricht, beginnt auch bei der Frau eine Spirale aus Ängsten, die das eigene Bild und das Bild der Partnerschaft stören. Vor allem, wenn sie das Gespräch sucht und vielleicht Druck auf ihn ausübt, führt das oft noch zu einer verschlimmerten Situation.

Die Selbstzweifel sind dann schnell bei der Hand. Die Partnerin sieht den Grund für die Zurückweisung nicht und sucht diesen natürlich, um eine Erklärung zu finden. Die eigene Attraktivität wird infrage gestellt oder die Partnerin durchsucht die eigenen Handlungen der jüngeren Vergangenheit nach Fehlern, die sie begangen haben könnte. Das kann schnell dazu führen, dass die Frau sich fragt, ob der Partner sie nicht mehr liebt oder gar eine andere Frau im Spiel ist.

Auch für die Partnerin ist der Umgang mit Erektionsstörungen beim Partner wichtig. Die Mails von Frauen, die uns erreichen, drehen sich zu einem großen Teil darum, wie das Gespräch mit dem Partner am besten gesucht werden kann. Der richtige Umgang mit der Impotenz an sich steht für Frauen an nachrangiger Stelle – hier herrscht somit bei Männern oft ein Missverständnis vor. Für die Partnerin ist das Wissen um die Situation und das Gespräch meist wesentlich wichtiger. Sie leiden in erster Linie unter dem Rückzug und dem Nicht-reden-wollen des Partners. Die Partnerinnen sind sich überwiegend darin einig, dass für das Problem der Erektionsstörung auch eine gemeinsame Lösung finden lässt – sobald die Partner darüber gesprochen haben.

Beispiele von Betroffenen

Es ist schwierig, die Gefühlswelt von betroffenen Männern und ihren Partnerinnen allgemein zu beschreiben. Damit Sie einen besseren Eindruck vom Innenleben erhalten, das in einer solchen Situation vorherrschen kann, wollen wir nachfolgend aus einigen Mails zitieren, die wir erhalten haben.

„Seit 4 Jahren führe ich eine Beziehung mit einem impotenten Mann. Es hat wirklich sehr lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das Problem nicht an mir lag. Ich liebe ihn sehr, er ist nach meiner unglücklichen und jetzt geschiedenen Ehe das beste was mir passieren konnte. Unser Problem ist, dass er nicht über seine ED reden kann. Viele Versuche darüber zu reden (wirklich viele) meinerseits sind erfolglos geblieben. Ich starte auch keine weiteren Versuche mehr, denn jedes Mal zieht er sich danach weiter zurück. Mir fehlt nicht der Sex an sich, aber das „Drumherum“!“

„Ich bin nicht mehr mit meinem Partner zusammen, er hat ED und wir haben es nicht geschafft gemeinsam eine befriedegende Lösung zu finden. Im Gegenteil ich als Frau habe mich absolut minderwertig, nicht anziehend genug gefühlt – ständig habe ich meine Sexualität in Frage gestellt. War ich überhaupt noch begehrenswert, war ich zu alt (er ist jünger)? Alle Erklärungen konnte ich nicht glauben, dachte immer: er will Dich nur beruhigen. Wir haben sehr viel und sehr offen darüber gesprochen, haben uns aber trotzdem teilweise selbst gequält, jeder für sich, wir beide fühlten uns innerlich „unter Druck“ gesetzt“, da halfen auch alle Gespräche nichts. Körperliches Unwohlsein meinerseits war die Folge. Wir schwankten ständig zwischen neuen Versuchen und beiderseitigem Zurückziehen aus Angst vor dem Versagen. Wir machten uns, trotz aller Offenheit, gegenseitig das Leben schwerer als es hätte im Nachhinein sein müssen. Ich zog mich oft zurück, ließ ihn nicht an mich ran, weil ich dachte: eigentlich will er Dich doch gar nicht.“

„Im Bett läuft seit ungefähr 2,5 Jahren überhaupt nichts mehr. Ich habe praktische keine Chance ihn zu verführen oder in Stimmung zu bringen – sofort läuft ein praktisch automatisiertes Ablenkungsmanöver, Termine besprechen, Diskussionen um nichts…Unser Sexualleben wird nicht thematisiert, ein Besuch beim Arzt steht nicht zur Debatte – er vermisst den Sex, die Nähe nicht und findet alles „normal“. Ich liebe ihn und bin mir sicher er liebt mich auch, aber er kann sich diese „Schwäche“ oder diesen „Makel“ nicht eingestehen und ich glaube wir zerbrechen daran, wenn wir es nicht schaffen offen darüber zu reden.“

Wie Sie sicherlich bemerkt haben, stammen diese Zitate aus Mails von Frauen an uns. Hier scheint ebenfalls wieder das gesellschaftliche Bild von Männern durch. Männer reden seltener über ihre Probleme und noch weniger über ihre Gefühle. Das zeigt sich leider auch in den an uns gerichteten Mails.

Warum bewerten Männer die Erektionsfähigkeit so hoch?

Der starke Zusammenhang zwischen Potenz und Männlichkeit im gesellschaftlichen und eigenen Bild von Männern ist nicht kurz oder abschließend zu erklären. Ein Part hat sicherlich mit evolutionären Einflüssen zu tun und der menschlichen Entwicklung über die Jahrtausende. In allen Kulturen über die Epochen zurück spielte die Erektionsfähigkeit bei Männern eine wichtige Rolle, der Zusammenhang floss ein in die Religionen und die Künste. Auch in der heutigen Erziehung spielt dieses Bild zumindest unbewusst eine starke Rolle, wesentlich deutlicher wird das Bild von Männlichkeit und Potenz in unseren Medien. Sicher ist, dass die Sexualität in unserer Gesellschaft mit bestimmten Bildern und Klischees verbunden ist, denen sich niemand richtig entziehen kann.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Thema hilft den betroffenen Männern aber nicht konkret weiter. Der richtige Umgang mit Erektionsstörungen – vom Umgang mit Impotenz wollen wir insofern nicht sprechen, da Impotenz als Begriff negativ belegt ist – erfordert eher einen „einfachen“ ersten Schritt zur Lösung. Für den ersten Schritt ist die Einsicht beim Mann notwendig, dass er sich mit dem oben beschriebenen Verhalten nur selbst und seiner Partnerin massiv schadet.

Eine Einsicht ist, dass Potenz und Sexualität nicht so eng miteinander verknüpft sind, wie viele Männer glauben. Aufgrund von Erektionsstörungen auf Sexualität zu verzichten, ist gar nicht notwendig. Zum einen ist eine Erektion mit diversen Hilfsmitteln und Medikamenten trotz Schwierigkeiten mit der Erektionsfähigkeit möglich. Zum anderen ist auch ohne Erektion befriedigender Sex für beide Partner, einschließlich Orgasmus, denkbar. Gemeinsam können sich die Partner hier also einen alternativen Weg in ihr „neues“ Sexualleben suchen, je nachdem, was ihnen am ehesten zuspricht.

Nicht zu unterschätzen ist zudem die zweite Einsicht. Die erektile Dysfunktion ist ein Symptom vieler schwerer Erkrankungen sein. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arteriosklerose, Diabetes oder eine Schilddrüsenfehlfunktion. Daher ist ein Besuch beim Arzt wichtig, um die Ursachen einer Erektionsstörung abzuklären. Sollte eine gefährliche Erkrankung vorliegen, ist eine rechtzeitige Entdeckung lebenswichtig. Eine frühzeitige Behandlung ist daher enorm wichtig.