Pflanzliche Hilfe bei Impotenz

Pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) haben im Gegensatz zu chemisch-synthetischen Medikamenten ein Stoffgemisch anstatt eines oder weniger Wirkstoffe. Das Stoffgemisch besteht aus einer Vielzahl an einzelnen Bestandteilen, die zusammen eine Wirkung ausmachen. Wird aus einer Pflanze ein einzelner Wirkstoff isoliert, handelt es sich um einen Reinstoff und nicht mehr um ein Phytopharmakon. Ob und in welchem Ausmaß pflanzliche Mittel gegen eine erektile Dysfunktion (ED) wirken, ist auf den ersten Blick nicht einfach auszumachen.

Pflanzliche Mittel zwischen Hilfsmittel und Marketing

Ein nicht unerhebliches Problem bei der Beurteilung, ob pflanzliche Mittel Ihnen tatsächlich helfen können, ist der schier unübersichtliche Markt für pflanzliche Arzneien gegen Sexualstörungen. Da pflanzliche Arzneien oft nicht durch die gleichen Zulassungsbestimmungen müssen wie chemisch-synthetische Medikamente, ist ein ganzer Markt um vermeintlich natürlich Potenzmittel entstanden, auf denen auch unseriöse Anbieter aktiv sind. Allein eine einfache Internetsuche fördert abertausende Seiten zutage, auf denen pflanzliche Potenzmittel beworben und verkauft werden.

Die beworbenen Produkte berufen sich bestenfalls auf pflanzliche Wirkstoffe, die in verschiedenen Kulturen und Regionen gegen Sexual- und Erektionsstörungen schon vor Jahrhunderten angewandt wurden. Hinzu kommen fast immer typische Werbeversprechen wie beispielsweise „100% wirksam“, „rein pflanzlich, keine Nebenwirkungen“ oder „keine peinlichen Arztbesuche“. Gern wird zudem behauptet, dass das Produkt wissenschaftlich getestet wurde, oder auch eine Geld-zurück-Garantie wird gegeben. Wie solche Werbeversprechen beurteilt werden können und was Werbung für Potenzmittel aussagt, haben wir auf unserer Seite „Kritische Betrachtung der Werbung für natürliche Potenzmittel“ näher ausgeführt.

Sind pflanzliche Mittel wirklich besser?

Pflanzliche Mittel stehen bei vielen Betroffenen auch deshalb hoch im Kurs, weil sie angeblich besser verträglich sind und insgesamt deutlich ungefährlicher seien als chemisch-synthetische Mittel mit ihren ganzen Nebenwirkungen. Dabei wird häufig nicht bedacht, dass der Stoffmix in pflanzlichen Mitteln letztlich auch nichts anderes als chemische Verbindungen sind – viele synthetische Medikamente haben ihren Ursprung schließlich auch aus der Natur.

Zudem gibt es viele Pflanzen, die für den Menschen gefährlich werden können – die Tollkirsche (Atropin), der Fingerhut (Digitalis) oder die Engelstrompete (Hyoscyamin) seien hier beispielhaft genannt. Zudem finden zahlreiche Pflanzen auch in der Medizin Verwendung, zählen also zum schulmedizinischen Standard. Welche Vor- und Nachteile pflanzliche Mittel mit sich bringen, lässt sich im Vorfeld nicht sagen.

Welche Nebenwirkungen haben pflanzliche Mittel?

Entgegen der Werbeversprechen und der Überzeugung vieler können auch bei pflanzlichen Mitteln Neben- und Wechselwirkungen auftreten (Ernst 1999, STERN 2002, TAZ 2008). Bei einigen pflanzlichen Mitteln sind diese zwar oft geringer als bei synthetischen – Beispiele sind Johanniskraut gegen leichte Depressionen oder Ginkgo gegen Durchblutungsstörungen – frei von unerwünschten Folgen sind sie jedoch nicht. Von Durchfall bis zu schweren Leberschäden gibt es eine Vielzahl potenzieller Nebenwirkungen.

Auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten können auftreten. Pflanzliche Mittel verstärken oder schwächen die medikamentöse Wirkung ab. Auch hier ist Ginkgo ein gutes Beispiel, das zusammen mit gerinnungshemmenden Mitteln dazu führt, dass Blutungen noch schwieriger zu stillen sind. Sollten Sie pflanzliche Mittel einnehmen oder einnehmen wollen, sprechen Sie das unbedingt mit Ihrem Arzt ab.

Weitere Problematiken mit pflanzlichen Mitteln liegen in anderen Bereichen begründet. Rezeptfreie Mittel enthalten meist so geringe Mengen an wirksamen Bestandteilen, dass deren Einnahme in vielen Fällen nicht sinnvoll ist. Wenn Sie pflanzliche Mittel von einer nicht hundertprozentig seriösen Quelle beziehen, der Hersteller beispielsweise keine seriöse Pharmafirma ist, können die Präparate verunreinigt sein, unzulässige Beimischungen enthalten oder die Zusammensetzung schlicht nicht nachvollziehbar sein.

Welche pflanzlichen Mittel helfen gegen Erektionsstörungen?

Obwohl große Vorsicht geboten ist, gibt es natürlich auch pflanzliche Mittel gegen die erektile Dysfunktion (ED), die wirksam sein können. Schließlich wird in vielen Kulturkreisen seit Jahrhunderten nach Möglichkeiten gesucht, Erektionsstörungen zu begegnen. Nicht umsonst haben es viele dieser Erkenntnisse auch in die moderne Medizin geschafft. Viele heute erhältlichen pflanzlichen Mittel enthalten eine Kombination aus mehreren Pflanzen, die gegen Erektionsstörungen helfen können. Diese sind:

  • Damiana (Turnera diffusa)
  • Erd-Burzeldorn, Stichwein (Tribulus terrestris)
  • Ginkgo biloba
  • Horny Goat Weed, Bischofsmütze, Elfenblume (Epimedium)
  • Koreanischer Ginseng (Panax ginseng)
  • Maca (Lepidium meyenii Walp)
  • Yohimbin

Viele erhältliche pflanzliche Mittel enthalten neben der Kombination aus einigen der vorgenannten Pflanzen den Reinstoff L-Arigin. Dieser Stoff spielt eine wichtige Rolle im biochemischen Ablauf, die zu einer Erektion führt. L-Arigin ist die Aminosäure, aus der Stickoxid (NO) gewonnen wird, das wiederum die Muskulatur um die Schwellkörper im Penis entspannt, damit Blut einfließen kann. Herrscht im Körper ein Mangel an L-Arigin, kann nicht genug Stickoxid gebildet werden.

Bei ausgewogener Ernährung wird im Regelfall genug L-Arigin aufgenommen, sodass dieser Ablauf nicht gestört wird. In nebenstehender Tabelle erhalten Sie angaben zu verschiedenen Lebensmitteln und ihren L-Arigin-Gehalt. Wenn die Aufnahme durch die Nahrung nicht ausreicht, ist eine zusätzliche Einnahme von fünf bis zehn Gramm L-Arigin durchaus sinnvoll. Mehr Informationen zu L-Arigin erhalten Sie auf der Seite der U. S. National Library of Medicine oder auf Wikipedia.

Wann sollten Sie es mit pflanzlichen Mitteln versuchen?

Bei dem unübersichtlichen Angebot sollten Sie stets skeptisch bleiben, ob ein bestimmtes beworbenes Mittel wirklich hilfreich sein kann. Bei leichten bis mittelschweren Erektionsstörungen sind einige pflanzliche Mittel aber durchaus interessant und möglicherweise hilfreich. Sie sollten hierbei aber keinesfalls planlos vorgehen. Das Gespräch mit der Partnerin und auch der Arztbesuch, um die Ursachen der erektilen Dysfunktion abzuklären, sind weiterhin äußerst wichtig.

Zudem sollten Sie nicht die weiteren Möglichkeiten zur Verbesserung der Erektionsfähigkeit vernachlässigen und Alternativen stets mit Ihrem Arzt absprechen. Wenn Sie sich für pflanzliche Mittel entscheiden, achten Sie auf ausreichende Informationen und suchen Sie sich die Mittel gezielt aus.


Weiterführende Literatur

Gesetze, Ratgeber, Artikel in Zeitungen und Zeitschriften

  • Bundesministerium der Justiz:
    Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln (Arzneimittelgesetz, AMG)
    Letzter Zugriff: 20.10.2010
  • Esser, Werner (2002):
    Potenz aus Natur und Apotheke.
    Books on Demand GmbH.
  • STERN, Heft 08/2002: Die grüne Gefahr.
    Im Internet: Volltext
  • TAZ vom 12.9.2008: Fragwürdige Pflanzenkraft. Im Internet: Volltext
  • Zittlau, Jörg (2006):
    Mehr Lust am Lieben. Die besten Mittel aus der Natur für mehr Lust und Potenz. 1. Auflage 2006, Südwest-Verlag.

Fachliteratur

  • Burgerstein, Lothar (2007): Burgersteins Handbuch Nährstoffe. Vorbeugen und heilen durch ausgewogene Ernährung: Alles über Spurenelemente, Vitamine und Mineralstoffe.
    11. Auflage, Haug Verlag.
  • Ernst, Edzard (1999):
    Phytotherapeutika: Wie harmlos sind sie wirklich?
    Dtsch Ärzteblatt 96, Heft 48, 3. 12. 1999.
    Im Internet: Volltext.
  • Jang, Dai-Ja; Lee, Myeong Soo; Shin, Byung-Cheul; Lee Young-Cheou; Ernst, Edzard (2008):
    Red ginseng for treating erectile dysfunction: a systematic review.
    British Journal of Clinical Pharmacology, Volume 66, Issue 4, Pages 444-450.

    Im Internet: Volltext.
  • MacKay, Douglas J. (2004):
    Nutrients and Botanicals for Erectile Dysfunction: Examining the Evidence.
    Alternative Medicine Review, Vol. 9, No. 1, Pages 4-16.

    Im Internet: Volltext.
  • Mayo Clinic Staff (2008):
    Erectile dysfunction herbs: A natural treatment for ED?
    Im Internet: Volltext (pdf-Datei, 33 kB).
  • Rowland, David L; Tai, Wendi (2003):
    A Review of Plant-Derived and Herbal Approaches to the Treatment of Sexual Dysfunctions.
    Journal of Sex & Marital Therapy
    , Band 29, Heft 3, S. 185-205.
    Im Internet: Zusammenfassung.
  • Shamloul, Rany (2010):
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    The Journal of Sexual Medicine
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  • Tamler, Ronald; Mechanick, Jeffrey I. (2007):
    Dietary Supplements and Nutraceuticals in the Management of Andrologic Disorders.
    Endocrinology and Metabolism Clinics of North America
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    Im Internet: Zusammenfassung.