Medikamente als Ursache von Erektionsstörungen

Auf der Seite „Medikamente als Ursache von Sexualstörungen“ haben wir bereits allgemein auf die potenziellen Nebenwirkungen von Medikamenten hingewiesen. Hier wollen wir uns noch einmal näher speziell mit der erektilen Dysfunktion (ED) beschäftigen und wie diese als Nebenwirkung in Erscheinung treten kann.

Wann ist eine Nebenwirkung eine Nebenwirkung?

Da die erektile Dysfunktion so vielfältige Ursachen haben kann, müssen wir gerade hier genau unterscheiden, welche Möglichkeiten an Herkunftsquellen eine Erektionsstörung haben kann. Wenn Sie ein neues Medikament einnehmen und Sie beobachten in der Folge eine erektile Dysfunktion, ist der Gedanken an eine Nebenwirkung naheliegend. Die Erektionsstörung kann aber auch durch eine Wechselwirkung mit anderen Medikamenten oder Lebensmitteln verursacht worden sein. Weitere Möglichkeiten sind ein neues Symptom der bestehenden Krankheit oder ein Symptom einer neuen Erkrankung.

Eine sichere Abklärung der Zusammenhänge ist nicht immer möglich. Dennoch können Sie mithilfe ärztlicher Betreuung gegen Nebenwirkungen dieser Art vorgehen, indem das betreffende Medikament durch ein anderes ersetzt wird oder die Dosierung verändert wird. Der Zusammenhang zwischen einer erektilen Dysfunktion und einer Medikamenteneinnahme wird zudem erschwert, da Erektionsstörungen oft als schleichende Nebenwirkung erst über einen längeren Zeitraum auftritt und auch nach dem Absetzen des Medikaments anhalten können. Zudem können Nebenwirkungen mit der Zeit auch wieder verschwinden, ohne die Medikamenteneinnahme zu verändern.

Was bedeutet Häufigkeit?

Neben der Rücksprache mit Ihrem Arzt sollten Sie sich auch über den Beipackzettel über potenzielle Nebenwirkungen Ihres Medikaments informieren. Dort finden Sie Angaben dazu, wie häufig eine bestimmte Nebenwirkung auftritt – das Schema finden Sie in nebenstehender Tabelle. Die Liste an Nebenwirkungen ist häufig sehr lang, da alle erdenklichen Reaktionen gelistet werden müssen. Das sollte Sie nicht erschrecken. Pharmaunternehmen sichern sich juristisch ab, da im Falle einer nicht ausreichenden Patienteninformation eine Haftbarmachung möglich ist (§ 84 Arzneimittelgesetz).

Wird nun beispielsweise Erektionsstörung als Nebenwirkung unter „selten“ genannt, tritt die erektile Dysfunktion statistisch gesehen zwischen 0,0001 und 0,001 Prozent der Behandlungen auf. Als Betroffener wäre das natürlich wenig tröstlich, dennoch sollten Sie keine unnötige Angst haben – das ist kontraproduktiv. Lassen Sie sich grundsätzlich ausführlich von Ihrem Arzt zu möglichen Nebenwirkungen und der Behandlung aufklären.

Psychische Ursache Nocebo-Effekt

Ein wichtiger Grund, warum Sie sich nicht von den möglichen Nebenwirkungen einschüchtern lassen sollten, ist der sogenannte Nocebo-Effekt. Der Nocebo-Effekt ist sozusagen das Gegenteil zum Placebo-Effekt. Während der Placebo-Effekt dafür sorgt, dass ein Patient sich besser fühlt und eventuelle sogar gesund wird, obwohl das verabreichte Medikament keine medizinische Wirkung hat (Placebo), sorgt der Nocebo-Effekt beispielsweise dafür, dass eine Nebenwirkung eintritt, nur weil der Patient um die Nebenwirkung wusste. Hier spielt also die eigene Psyche dem Patienten einen Streich.

medizinische Ursachen impotenzDieser Nocebo-Effekt ist wissenschaftlich gut belegt. So zeigen beispielsweise die Studien von Silvestri 2003 und Cocco 2009 diesen Effekt sehr deutlich. In beiden Studien erhielten die männlichen Patienten Betablocker und keiner der Patienten litt im Vorfeld unter einer erektilen Dysfunktion. Die Patienten wurden zufällig in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe erhielt zum Medikament keinerlei Informationen, die zweite Gruppe bekam die Information, dass es sich um einen Betablocker handelte, und die dritte Gruppe bekam schließlich zusätzlich die Information, dass der Betablocker gelegentlich Erektionsstörungen als Nebenwirkung verursacht. 90 Tage später wurde per Fragebogen nach ausgelösten Erektionsstörungen gefragt. Das Ergebnis der Befragungen ist in beistehender Grafik ersichtlich

Die voll informierte Gruppe berichtete auch am häufigsten von Erektionsstörungen, die nicht informierte Gruppe am wenigsten. Die Unterschiede sind statistisch signifikant und zeigen einen Nocebo-Effekt.

Bekannte Medikamentengruppen, die Erektionsstörungen verursachen können

Neben dem Nocebo-Effekt können bestimmte Medikamente natürlich auch an sich eine Erektionsstörung verursachen. Mittel gegen Bluthochdruck sind hierfür bekannt. Insbesondere Mittel mit den Wirkstoffen Thiaziddiuretika und Betablocker können zu Erektionsstörungen führen. Problem bei diesen Medikamenten ist häufig, dass sie nicht mit Medikamenten mit anderen Wirkstoffgruppen ersetzt werden können. Auch könnte der zuvor unbehandelte Bluthochdruck zu Gefäßschädigungen im Penis geführt haben, die dann wiederum für die Erektionsstörung verantwortlich sind.

Antidepressiva sind eine weitere Medikamentengruppe, die für eine Reihe von Sexualstörungen einschließlich Erektionsstörungen verursachen können. Vor allem die häufig verschriebenen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind dafür verantwortlich. Nebenwirkungen durch SSRI halten manchmal auch nach dem Absetzen des Medikaments an (Bahrick 2009). Medikamentenwechsel, Behandlung der Erektionsstörung oder eine Reduktion der Nebenwirkungen sind hier aber möglich (Cohen 2010).

Nicht zuletzt können auch Mittel gegen gutartige Prostatavergrößerung Erektionsstörungen verursachen. Diese Medikamente enthalten sogenannte Alpha-Blocker, die ursprünglich auch gegen Bluthochdruck eingesetzt wurden, und unmittelbar eine erektile Dysfunktion als Nebenwirkung haben können. Neben Alpha-Blockern werden zur Behandlung meist auch 5-Alpha-Reduktase-Hemmer eingesetzt. Insbsondere Finasterid und Dutasterid können zu diversen Sexualstörungen führen (Traish 2011). Finasterid findet sich zudem in Mitteln gegen Haarausfall wieder und kann auch dort zu Erektionsstörungen führen (Irwig 2011).

Ein besonderes Problem entsteht durch Mehrfachmedikation. Durch Wechselwirkungen zwischen mehreren Medikamenten können Erektionsstörungen ebenfalls auftreten. Tatsächlich steigt das Risiko einer erektilen Dysfunktion, je mehr Medikamente eingenommen werden müssen (Londono 2012). Wie immer ist auch hier die Rücksprache mit dem Arzt enorm wichtig.


Literatur