Behandlung der Impotenz durch Beckenbodentraining?

Beckenbodenmuskulatur-Training bei ImpotenzFür die Erektion spielt sowohl bei ihrer Entstehung als auch bei der Aufrechterhaltung die Beckenbodenmuskulatur eine wichtige Rolle. Auch für den Samenerguss sind diese Muskeln wichtig. Der Musculus ischiocavernosus und der Musculus bulbospongiosus sorgen dafür, dass Venen im unteren Beckenbereich abgedrückt werden und so der Blutabfluss aus den Schwellkörpern im Penis verhindert wird. Weiterhin sorgt ihre Kontraktion dafür, dass die Schwellkörper unter hohen Druck gesetzt werden – ein wesentliches Element für eine starke Erektion.

Wenn Sie demnach die Beckenbodenmuskulatur trainieren, kann das in bestimmten Fällen die Erektionsfähigkeit verbessern. Bestenfalls verschwindet die Erektionsstörung sogar. Auch als vorbeugende Maßnahme kann ein Training der Beckenbodenmuskulatur sinnvoll sein.

Das Beckenbodentraining ist insbesondere bei einem venösen Leck – wenn die Erektionsstörung auf einen zu hohen Blutabfluss aus den Schwellkörpern zurückzuführen ist – gut geeignet. Zudem ist Beckenbodentraining im Kombination mit anderen Behandlungsmethoden durchaus sinnvoll. Beckenbodentraining kann zudem gegen einen vorzeitigen Samenerguss helfen (Sommer 2004). Liegt die Ursache der erektilen Dysfunktion in einer Nervenschädigung oder ist psychisch bedingt, hilft Beckenbodentraining nicht.

Wie sehen die Übungen aus?

Die Übungen zu erlernen, erfordert einiges an Geduld und Disziplin. Für die Beckenbodenmuskulatur müssen Sie zuerst ein gutes Gefühl entwickeln – es stellt schon eine gewisse Herausforderung da, diese gezielt anzuspannen. Zudem können Sie – wie bei vielen Gymnastikübungen – auch hier viel falsch machen und sich am Ende sogar selbst schädigen.

Suchen Sie sich daher einen erfahrenen Physiotherapeuten, unter dessen Anleitung Sie die Übungen schrittweise erlernen. Dieser kann Sie auch direkt korrigieren, wenn Sie eine Übung falsch durchführen. Ein Physiotherapeut oder eine Physiotherapeutin ist der sicherste Weg, ein gutes Beckenbodentraining zu erlernen.

Beispiel für Beckenbodengymnastik

Wie sehen die Erfolgschancen aus?

Mit einem guten Training können durch ein venöses Leck verursachte Erektionsstörungen sehr gut begegnet werden. Dazu wurden verschiedene Studien durchgeführt, die das aufzeigen. In der belgischen Studie von Claes/Baert 1993 wurden 150 Männer zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt eine Sperroperation, die zweite Gruppe erlernte in fünf Stunden beim Physiotherapeuten Übungen für das Beckenbodentraining. Vier Monate später war bei den unoperierten Männern bei 42 Prozent eine verbesserte Erektionsfähigkeit eingetreten.

In einer weiteren belgischen Studie von van Kempen et al. 2003 wurden 51 Männer mit Erektionsstörungen ausgewählt. Die Gründe waren unterschiedlich, die Männer mit einem venösen Leck waren aber überproportional häufig vertreten. Die Männer waren einmal die Woche beim Physiotherapeuten und sollten dreimal täglich die Übungen zuhause selbst durchführen.

Neben dem Training bekamen die Beckenbodenmuskeln eine Elektrostimulation und Biofeedback wurde eingesetzt. Vier Monate später waren 47 Prozent der Männer mit ihrer Erektion zufrieden, bei weiteren 24 Prozent hatte sich eine Verbesserung der Erektionsfähigkeit eingestellt. Da 18 Prozent die Studie vorzeitig verlassen hatten, hat sich nur bei zwölf Prozent keine Besserung gezeigt.

Eine englische Studie von Dorey et al. 2005 untersuchte wieder zwei Gruppen, in denen die 55 teilnehmenden Männer zufällig eingeteilt wurden. Die erste Gruppe erlernten Beckenbodenübungen und ein Biofeedback wurde durchgeführt. Die zweite Gruppe erlernte die Übungen nicht. Beide Gruppen wurden zudem für einen gesünderen Lebensstil beraten.

In einem Zwischenfazit nach drei Monaten gab es überraschenderweise für die zweite Gruppe keine Veränderungen – daraufhin erhielt auch diese Gruppe Beckenbodentraining. Weitere drei Monate später war über alle Teilnehmer hinweg eine zufriedenstellende Erektion für 40 Prozent der Männer wieder hergestellt, bei weiteren 35,5 Prozent hatte sich die Erektionsfähigkeit verbessert. Nur bei knapp einem Viertel der Männer zeigte sich keine Besserung.

Auch in Deutschland wurde eine entsprechende Studie durchgeführt. Sommer 2004 untersuchte 124 Männer mit einem venösen Leck. Die Männer wurden zufällig in drei Gruppen geteilt: Die erste machte VigorRobic, ein spezielles Beckenbodentraining, die zweite Gruppe nahm Viagra und die dritte Gruppe nahm ein Placebo ein. Nach 16 Wochen war die Erektionsfähigkeit bei 80 Prozent der VigorRobic-Gruppe verbessert, 74 Prozent bei der Viagra-Gruppe und 18 Prozent bei der Placebo-Gruppe. Insgesamt zeigen die Ergebnisse aller Studie deutlich die Verbesserungsmöglichkeiten durch das Beckenbodentraining auf.


Literatur

Ratgeber

  • IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) (2013):
    Beckenbodentraining.
    Im Internet: Artikel.
  • Sommer, Frank (2016):
    VigorRobic® – Potenter durch gezieltes Fitnesstraining.
    6. Auflage. Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

Verwendete Fachliteratur

  • Claes, H.; Baert, L. (1993):
    Pelvic floor exercise versus surgery in the treatment of impotence.
    Br J Urol, January 1, 1993, Vol. 71, No. 1, Pages 52-57.
    Im Internet: Zusammenfassung.
  • Dorey, Grace; Speakman, Mark J.; Feneley, Roger C.L.; Swinkels, Annette; Dunn, Christoper D.R. (2005):
    Pelvic floor exercises for erectile dysfunction.
    BJU International, September 2005, Vol. 96, No. 4, Pages 595-597.
    Im Internet: Zusammenfassung, Volltext (pdf-Datei, 171 kB).
  • van Kampen, Marijke; de Weerdt, Willy; Claes, Hubert; Feys, Hilde; de Maeyer, Mira; van Poppel, Hendrik (2003):
    Treatment of Erectile Dysfunction by Perineal Exercise, Electromyographic Biofeedback, and Electrical Stimulation.
    Physical Therapy, June 2003, Vol. 83, No. 6, Pages 536-543.
    Im Internet: Zusammenfassung, Volltext (pdf-Datei, 85 kB).
  • Sommer, Frank (2004):
    Prävention der erektilen Dysfunktion durch gezieltes körperliches Training.
    Blickpunkt Der Mann, 2004, Heft 1.
    Im Internet: Zusammenfassung, Volltext (pdf-Datei, 247 kB).
    Eine anschauliche Zusammenfassung der Studie findet man auch auf Prof. Sommers Internetseiten (pdf-Datei, 296 kB).

Weiterführende Fachliteratur

  • Lavoisier, Pierre; Roy, Pascal; Dantony, Emmanuelle; Watrelot, Antoine; Ruggeri,Jean; Sébastien Dumoulin (2014):
    Pelvic-Floor Muscle Rehabilitation in Erectile Dysfunction and Premature Ejaculation.
    Physical Therapy, December 2014, Vol. 94, No. 12, Pages 1-13.
    Im Internet: Artikel.
  • Rosenbaum, Talli Yehuda (2007):
    Pelvic Floor Involvement in Male and Female Sexual Dysfunction and the Role of Pelvic Floor Rehabilitation in Treatment: A Literature Review.
    The Journal of Sexual Medicine, Volume 4, Issue 1, Pages 4-13.
    Im Internet: Zusammenfassung.